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The sand clock, 2017 - view in the Galerie Perpétuel
wood, rope, sand 480 x 250 x 300 cm



Preface of the catalogue "Beyond Self-Evidence"

-Vorwort des Katalogs "Jenseits der Selbstverständlichkeit"- (runterscrollen zur deutschen Übersetzung)

Dr. Miya Yoshida

Mind the Gap –

Kitagawa’s Artistic Attempts to Reshape the Possibilities of the World

A characteristic of artists from Japan is frequently observed in a succession of the attitude of craftsmanship that carries skills and techniques as well as an insightful knowledge about materials. Yasuaki Kitagawa is not an exception. Objects, texts and installations that the artist produced over the last twenty years follow this line of artistic tradition. Especially in his earlier works like Drop into the case, Der Eintausend und Erste Kranich and das fahrad von Irene, the artist’s affection and care for details can be seen in every dimension of the works - material, shape, the combination of textures, composition, settings and so forth. The scrutiny in regard to details is almost fetishist, which well echoes the poetic and melancholic atmosphere of the works. This combination produces a strong emphasis on the surface to which the attention of the viewer is drawn. While such qualities offer aesthetic satisfaction, they might also blind the beholder. However, the works of Kitagawa should not be reduced to adornments.

Based in Germany since 1997, Kitagawa has been tackling the epistemological question of substance. Based on his observations of everyday life, the artist tests out the effects of reflection, repetition, parasitical action, calculation and beyond calculation. Particularly his site-specific installations such as Der Gang in Varna, die spur, Senklot, and tesa® 57721-00000 / 57723-00000 subtly manipulate our perception to raise the question of seeing as well as of being. Kitawaga, who first studied philosophy in Münster and Leipzig, is deeply inspired by the thoughts of Wittgenstein – particularly the quote “The world is everything that is the case.” Baring this in mind, Kitagawa’s artistic investigation is not only a visual presentation of his discursive search, but also invites the viewer to redefine the border between the facts, the case and the world.

Another aspect of the works is how the penetrating consideration of details not only makes his sculptural objects a pleasure to the eye, but also acquires its own ontology in time-space. While the well-known conceptual artist On Kawara extracts and confines specific time in his series of signature date paintings, Kitagawa integrates the layers of time into one object. In another work, ‘One Million Years’, Kawara unfolds the eternal flow of time by the meditative performance of reading out virtually endless series of years, whereas Kitagawa presents a seamless flow that dismisses the ontological orders of time. Consequently, the line between memory, matter and the present blurs and resets the epistemological boundaries between them. Under this condition, time becomes an object; form is shaped by time. For the artist, the act of making is a re-formation of the relationship between the two modes in time-space, whereby his artworks constantly renegotiate and reshape the boundaries of the self, the other and the world.

In their playful approach, Kitagawa’s works are not fixated to one view. Instead of referring to the only view of the real or virtual, or of the factual, illusionary or imaginable, the artist crafts a space exactly in between. It is like a hidden game, where the artist secretly inserts the thoughts of Wittgenstein into the artistic thinking behind his works. So the viewer better beware of the suspension in the inbetween-ness of these dichotomies. The following six chapters are full of plots by the artist to reshape our selves and the world around us. Mind the gap!

-----German------

Kitagawas künstlerische Versuche die Möglichkeiten der Welt neu zu gestalten

Eine Besonderheit, die sich bei aus Japan stammenden Künstlern oft beobachten lässt, liegt in ihrer Fortführung einer Handwerkskunst, die Geschick und Fachwissen mit tief gehendem Materialverständnis verbindet. Yasuaki Kitagawa ist keine Ausnahme. Die Objekte, Texte und Installationen, die der Künstler im Lauf der letzten 20 Jahre hervorgebracht hat führen diese künstlerische Tradition weiter fort. Vor allem seine frühen Arbeiten wie drop into the case, Der Eintausend und Erste Kranich und Das Fahrrad von Irene offenbaren die Sorgfalt und die Liebe des Künstlers zum Detail – in der Wahl des Materials, der Form, der Kombination von Texturen, in Komposition, Setting und so fort. Die Genauigkeit in Bezug auf Details mutet fast fetischistisch an und findet sich in der poetisch-melancholischen Aura der Werke wiedergespiegelt. Diese starke Betonung vor allem der Oberfläche zieht die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich, der, gerade aufgrund der ästhetischen Befriedigung, die diese Qualitäten ihm verschaffen, davon geblendet werden könnte. Doch sollten die Arbeiten von Kitagawa nicht auf ihr schmückendes Beiwerk reduziert werden.

Der seit 1996 in Deutschland lebende Kitagawa befasst sich mit der Epistemologie des Begriffs Substanz. Basierend auf seinen Beobachtungen des alltäglichen Lebens hinterfragt der Künstler die Auswirkungen von Reflektion, Repetition und Intervention diesseits und jenseits allen Kalküls. Vor allem seine ortsspezifischen Installationen wie Der Gang in Varna, Die Spur, Senklot und tesa® 57721-00000 / 57723-00000 manipulieren auf subtile Art unsere Wahrnehmung um sowohl das Sehen wie auch das Sein an sich zu hinterfragen.

Kitagawa, der zunächst Philosophie in Münster und Leipzig studierte, ist zutiefst von den Gedanken Wittgensteins inspiriert – insbesondere von dessen Satz “Die Welt ist alles, was der Fall ist”. Entsprechend spiegeln Kitagawas künstlerische Untersuchungen nicht nur seine diskursive Erforschungen wider, sie laden den Betrachter auch dazu ein die Grenzen zwischen den Tatsachen, dem „was der Fall ist“ und der Welt neu zu definieren.

Kitagawas äußerst aufmerksamer Umgang mit Details macht seine skulpturalen Objekte nicht nur angenehm fürs Auge, zugleich erwächst ihnen dadurch eine eigene Seinsform in Raum und Zeit.

Während der bekannte Konzeptkünstler On Kawara in seinen Date Paintings eine spezifische Zeit in ihren Grenzen benennt, integriert Kitagawa die Schichten der Zeit in ein Objekt. Und während Kawara, etwa in „one Million Years“, den ewigen Fluss der Zeit durch das meditative Vorlesen scheinbar endloser Reihen von Jahreszahlen in eine Performance fasst, präsentiert Kitagawa einen eingrenzten Strom, der die Zeit aus ihrer ontologischen Ordnung entlässt. Folglich verwischen die Konturen zwischen Gedächtnis, Materie und Gegenwart und die epistemologischen Grenzen werden zurückgesetzt. Unter diesen Bedingungen wird die Zeit zum einem Objekt – und Form wird bestimmt durch Zeit. Für den Künstler bedeutet der Schaffensakt eine Re-Formation der Beziehung zwischen den zwei Modi des Zeit-Raums, wohingegen seine Werke die Grenzen des Selbst, des Anderen und der Welt kontinuierlich neu verhandeln und gestalten.

In ihrem spielerischen Ansatz bleiben Kitagawas Arbeiten nicht auf eine Sichtweise beschränkt. Anstatt sich auf eine Einzelperspektive des Realen oder des Virtuellen zu beziehen, gestaltet der Künstler einen Raum exakt dazwischen. Es ähnelt einem Versteckspiel, in dem der Künstler heimlich die Gedanken Wittgensteins in das Nachdenken über seine Arbeiten einspeist. Und so sollte der Betrachter sich lieber in Acht nehmen vor der federnden Spannung in den Zwischenräumen dieser Dichotomien. Die folgenden Seiten sind angefüllt mit Geschichten, die der Künstler schuf um uns selbst und die uns umgebende Welt neu zu formen. Mind the gap!